Demokratie verlangt Haltung

Am 15. September ist Internationaler Tag der Demokratie. Braucht die Schweiz einen solchen Tag? Ein Land, in dem wir regelmässig abstimmen, Initiativen lancieren und auf Gemeindeebene unmittelbar mitentscheiden können?

Ich finde: ja. Vielleicht gerade deshalb, weil Demokratie für uns so selbstverständlich geworden ist.

Demokratie zeigt ihren Wert nämlich nicht dann, wenn eine Abstimmung so ausgeht, wie wir es uns wünschen. Sondern dann, wenn sie es nicht tut. Sie bedeutet, dass meine Meinung zählt, aber eben nicht mehr als die meines Gegenübers. Dass Mehrheiten entscheiden und Minderheiten trotzdem gehört werden. Und dass wir einen Entscheid akzeptieren, auch wenn wir persönlich einen anderen für richtig gehalten hätten.

Gerade in diesen Wochen zeigt sich, wie wichtig diese demokratische Auseinandersetzung ist. Wir diskutieren darüber, wie die Schweizer Neutralität künftig ausgestaltet sein soll. Es geht um die Grundsatzfrage, wie die Schweiz ihrer Verantwortung in einer sich verändernden Welt wahrnehmen soll. Auch das ist Demokratie: unterschiedliche Vorstellungen über den richtigen Weg auszuhalten, sie offen gegeneinander abzuwägen und schliesslich gemeinsam einen Entscheid zu treffen. Sie verlangt, dass wir uns eine Meinung bilden, Haltung zeigen und gleichzeitig respektieren, dass andere zu einem anderen Schluss kommen können.

Das gilt im Grossen genauso wie im Kleinen. In Eglisau erleben wir Demokratie unmittelbar. Wenn es um Verkehr, Schulen, Finanzen, Infrastruktur oder die Entwicklung unseres Städtlis geht, treffen unterschiedliche Interessen und Vorstellungen aufeinander. Da wird diskutiert, gestritten und kritisiert. Das ist richtig und wichtig.

Aber Demokratie hat auch unbequeme Seiten. Sie ist langsam. Kompromisse sind selten perfekt. Die Lautesten bekommen manchmal mehr Aufmerksamkeit als die Stillen. Und ein Urteil ist schnell gefällt, während eine sorgfältige politische Lösung oft viel Zeit braucht.

Natürlich, Kritik gehört zur Demokratie. Problematisch wird es dort, wo aus einer anderen Meinung ein persönlicher Angriff wird oder wir einander gar nicht mehr zuhören. Für mich braucht eine lebendige Demokratie Widerspruch. Aber sie braucht ebenso Respekt und Fairness.

Es ist schon so; unsere direkte Demokratie gibt uns aussergewöhnlich viele Rechte. Das bedeutet aber auch, einer grossen Verantwortung gegenüberzustehen. Deshalb wünsche ich mir für Eglisau eine politische Kultur, in der engagiert gestritten werden darf, ohne dass wir uns den gegenseitigen Respekt absprechen. Und in der wir nicht nur sagen, was andere besser machen sollten, sondern uns fragen, was wir selbst beitragen können.

Denn Demokratie wird nicht nur in Bern gemacht. Sie beginnt vor unserer Haustür. Und sie lebt davon, dass wir Haltung zeigen und mitmachen.

Roland Ruckstuhl
Gemeindepräsident