Direkt zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen Jump to sub navigation

Gedanken zum Nationalfeiertag

Überlegungen des Gemeindepräsidenten Peter Bär zum Thema «Souveränität».

Liebe Eglisauerinnen, liebe Eglisauer

Am 1. August werden landauf, landab die traditionellen Ansprachen zu unserem Nationalfeiertag gehalten. Häufig stehen die Themen Heimat und Souveränität im Mittelpunkt. Was heisst denn eigentlich «Souveränität»? Eine gängige Kurzversion lautet etwa: «Innerhalb unserer Grenzen bestimmen wir, was bei uns gilt». Das tönt vernünftig und macht Sinn.

Was mir Sorgen macht, ist die Tatsache, dass mit der Überhöhung dieses Prinzips in der politischen Diskussion die Realität zunehmend verkannt wird. Wir leben in einer immer stärker vernetzten Welt, die gegenseitigen Abhängigkeiten nehmen laufend an Bedeutung zu.

Als Beispiel möchte ich die Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffes in der Corona-Pandemie nennen. Es besteht ja Konsens, dass uns letztlich nur ein hochwirksamer Impfstoff aus der Pandemie führen kann. Eine in Ungarn gebürtige Biochemikerin hat in jahrzehntelanger Forschungsarbeit an amerikanischen Universitäten die Grundlagen der mRNA-Technologie entwickelt. Auf dieser Technologie basiert u.a. der Impfstoff von Pfizer/Biontech, der auch in der Schweiz eingesetzt wird. Die Gründer des deutschen Biotechnologieunternehmens Biontech kamen einst als Migrantenkinder aus der Türkei nach Deutschland, wo sie als Erwachsene seit Jahren auf dem Gebiet der Krebstherapie forschen. Der fertige Impfstoff besteht aus Dutzenden von Komponenten und Inhaltsstoffen, die von einem weltweiten Netzwerk von spezialisierten Firmen geliefert werden. Herstellung und Verteilung des Impfstoffes sind eine logistische Meisterleistung, die nur dank einer ausgeklügelten Zusammenarbeit über Länder und Kontinente hinweg erbracht werden kann.

Ein anderes Beispiel für eine gegenseitige Abhängigkeit ist der Strommarkt in Europa. Die Schweiz produziert im Winterhalbjahr zu wenig Strom und ist auf Importe aus dem Ausland angewiesen. Die Energiewende – vom Schweizer Volk im Jahre 2017 beschlossen – kommt nur zögerlich voran, der Zubau an erneuerbarer Stromproduktion sollte wesentlich schneller erfolgen. Nachdem der Bundesrat das Rahmenabkommen mit der EU beerdigt hat, wird die Schweiz mit der EU auch kein Stromabkommen abschliessen können. Damit wird die Stromversorgung im Winter unsicherer, das Risiko von Stromausfällen nimmt zu. Diese gehören in der nationalen Risikoanalyse des Bundesrates zu den grössten Risiken der kommenden Jahre.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich stehe hinter dem Prinzip «innerhalb unserer Grenzen bestimmen wir, was gilt». Aber der Anschluss an die Welt ist nicht immer gratis zu haben. Als kleines Land mitten in Europa sind wir auf gute Beziehungen zu unseren Nachbarländern angewiesen. Dazu gehört auch, dass wir manchmal Regeln, die nicht von uns, sondern z.B. von der europäischen Staatengemeinschaft formuliert wurden, anerkennen müssen. Es steht uns frei, diese zu ignorieren. Wir bestimmen, was bei uns gilt. Wir müssen dann aber auch mit den Konsequenzen leben. Und die Politik muss uns diese Konsequenzen transparent aufzeigen.

Ich rege an, den Nationalfeiertag zum Anlass zu nehmen, über unsere Souveränität und unsere Stellung in Europa und in der Welt nachzudenken. Ich bin überzeugt, dass es sich lohnt, unsere Energie in die Entwicklung guter, stabiler Beziehungen und nicht in die Abgrenzung zu investieren.

Ich wünsche Ihnen einen schönen 1. August. Bleiben Sie gesund und guten Mutes!

>Peter Bär/Gemeindepräsident

Bild_Peter_Baer.jpg